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Rainer Kirsch



Nachruf
Rainer Kirsch (1934-2015


Und schneller drehen sich in der Welt die Dinge
Um die es, ginge es um etwas, ginge.

(Rainer Kirsch)

Sächsische Akademie der Künste trauert um Rainer Kirsch. Am 17. Juli 1934 wurde Rainer Kirsch im sächsischen Döbeln geboren. Er studierte in Halle/Saale und Jena Geschichte und Philosophie. 1957 schloss man ihn wegen widerständischen Denkens vorübergehend aus der SED aus. Kirsch musste sich als Hilfsarbeiter „in der Produktion bewähren“. Seit 1960 war er freischaffend tätig und veröffentlichte erste Gedichte. 1963-1965 studierte er am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig, wo ihm das Abschlussdiplom verweigert wurde. Mit seiner ersten Ehefrau Sarah Kirsch gab er gemeinsame Gedichtbände heraus. Zahlreiche Reisen führten ihn nach Georgien.
Kirschs Arbeiten stießen bei den Kultur-Oberen immer wieder auf Kritik und zogen Reglementierungen nach sich. 1973 wurde er erneut aus der SED ausgeschlossen. Anlass war seine Faust-Komödie „Heinrich Schlaghands Höllenfahrt“. 1990 wurde er Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes, sowie Mitglied der Akademie der Künste Berlin (Ost). 1993 wurde er Mitglied der vereinigten Akademie der Künste. Er schrieb Lyrik, Erzählungen, Essays, Kinderbücher, Hörspiele, Dramen und machte sich einen Namen als Nachdichter u.a. von Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam, Francesco Petrarca und John Keats.
Rainer Kirsch gehörte zur „Sächsischen Dichterschule“. Er war ein leiser, zurückhaltender Mensch mit scharfem ironischem Blick. Seine künstlerischen Maßgaben, mit denen er gesellschaftliche Unarten kommentierte, waren so feinsinnig wie streng komponiert. Was sich schrill und grenzsprengend als Neuerung gebärdete, lehnte der Dichter ab. Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, ganz in der Nähe seiner Geistesgenossen Brecht und Mickel, hat er einen großen Grabstein renovieren lassen, auf dem die sonderbar fröhlich wirkenden Verse stehen:

lila ein schwein saß still auf einem baum
und wiegte sich auf zweifelhaften ästen.
wir sahens beide, und auf wenigem raum.
so, manchmal, heilt die nacht des tags gebresten.

(Rainer Kirsch)

Rainer Kirsch starb am 4. September 2015 in Berlin.

Kerstin Hensel, Schriftstellerin Berlin, für die Sächsische Akademie der Künste
6. September 2015

Rainer Kirsch
Geboren am 17. Juli 1934 in Döbeln (Sachsen), gestorben am 4. September 2015 in Berlin · 1953-57 Studium der Geschichte und Philosophie in Halle und Jena · 1957 Relegation, danach Druckereihilfsarbeiter, Chemiearbeiter, Landarbeiter · seit 1960 freischaffender Schriftsteller in Halle bzw. Berlin · 1963-65 Literaturinstitut Leipzig · 1973 Ausschluß aus der SED wegen seiner Komödie Heinrich Schlaghands Höllenfahrt · 1975 Mitglied im P.E.N. (DDR) · 1983 F.-C.-Weiskopf-Preis der Akademie der Künste der DDR · März 1990 Vorsitzender des Schriftstellerverbandes der DDR bis zu dessen Auflösung · 1990 Mitglied der Akademie der Künste Berlin der DDR · 2001 Wilhelm-Müller-Preis des Landes Sachsen-Anhalt.

Publikationen

Eigene Schriften: Berlin-Sonnenseite. Reportage (mit Sarah Kirsch). Berlin 1964 · Gespräch mit dem Saurier. Gedichte (mit Sarah Kirsch). Berlin 1965 · Kopien nach Originalen. 3 Porträts & 1 Reportage. Leipzig und Westberlin 1974 · Wenn ich mein rotes Mützchen hab. Kinderbuch. Berlin 1974 · Das Land Bum-bum. Oper (Musik Georg Katzer), UA 1976 · Das Wort und seine Strahlung. Über Poesie und ihre Übersetzung. Berlin 1976 · Auszog das Fürchten zu lernen. Komödie, Essays, Gedichte. Reinbek 1978 · Münchhausen. Ballett (Musik Rainer Kunad), UA Weimar 1979 · Reglindis. Lieder. Berlin 1979 · Ausflug machen. Gedichte. Rostock 1980 · Heute ist verkehrte Welt. Kinderbuch. Berlin 1983 · Ordnung im Spiegel. Essays. Leipzig 1985 · Sauna oder Die fernherwirkende Trübung. Erzählungen. Rostock 1985 · Kunst in der Mark Brandenburg. Gedichte. Rostock 1988 · Anna Katarina oder Die Nacht am Moorbusch. Eine sächsische Schauerballade nebst dreizehn sanften Liedern und einem tiefgründigem Gespräch. Rostock 1990 · Die Talare der Gottesgelehrten. Kleine Schriften. Halle 1999 · Werke in vier Bänden. Berlin 2004.

Nachdichtungen und Übersetzungen: Anna Achmatowa. Ein niedagewesener Herbst (mit Sarah Kirsch). Gedichte. Berlin 1967 · Nikolos Barataschwili. Gedichte. Tbilissi 1968 · Georgische Poesie aus acht Jahrhunderten (mit Adolf Endler). Berlin 1971 · Percy Bysshe Shelley. Der Entfesselte Prometheus. Leipzig 1979 · Ossip Mandelstam. Gedichte (Herausgabe). Berlin 1992 · Sergej Jessenin, John Keats, Francesco Petrarca, Allan Poe, Wladimir Wyssotzki in verschiedenen Sammlungen.

Stückübertragungen: Edmond Rostand: Cyrano aus Bergerac · Molière: Die Schule der Frauen · Carlos José Reyes: Der Stein des Glücks · Alfonso Sastre: Geschichte von der verlassenen Puppe· Wladimir Majakowski: Schwitzbad, Die Wanze · Maxim Gorki: Nachtasyl, Kinder der Sonne, Wassa Shelesnowa, Jegor Bulytsdchow und die anderen, Wassa Shelsnowa (Zweite Fassung), Kleinbürger · Jewgeni Schwarz: Rotkäppchen, Die verzauberten Brüder.