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Per Kirkeby




Nachruf
Die Sächsische Akademie der Künste trauert um Per Kirkeby


Wie die Tageszeitungen heute berichten, starb Per Kirkeby am Mittwoch, dem 9. Mai 2018, im Alter von 79 Jahren. Per Kirkeby, 1938 in Kopenhagen geboren, lehrte seit 1978 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und 1989 - 2000 an der Städelschule Frankfurt. Einem größeren Publikum in Deutschland wurde er mit seinen großformatigen abstrakten Werken, durch seine Teilnahme 1982 an der documenta 7 und 1992 an der documenta 9, mit dem Stuttgarter Monument (1987) und der Kunstmauer vor dem Neubau der Deutschen Bibliothek in Frankfurt/Main (1996) bekannt. Die Sächsische Akademie der Künste berief Kirkeby am 6. Dezember 1997 zu ihrem Korrespondierenden Mitglied. Dresden war Kirkeby u.a. durch seinen Kontakte zu Werner Schmidt und Wolfgang Holler und durch die Ausstellung "Holzschnitte 1980 - 1999" im Kupferstich Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen (Juli 1999 - Oktober 1999) verbunden. In der Galerie Neue Meister war er 2000 "Zu Gast" im Dialog mit Monet, Feuerbach und Koch und 2013 in der Ausstellung "Die Erschütterung der Sinne".
Paradigmatisch für sein Schaffen mag ein Gedicht Kirkebys stehen:

Es ist wieder passiert:
Pferde in der Dämmerung
sind zu Gläsern und Krügen geworden
Die große Ausstellung
hat sich unter unendlichem Schmerz durchgesetzt.
Doch ist nicht ein Pferd, das zu einem Krug wird,
ein Krug, der von innen kommt,
frage ich.
Ich glaube, das große Wunder
ist diese Ummöblierung
die sich trotz
allumfassenden Widerstandes meinerseits durchsetzt

Dresden, 11. Mai 2018

Nachruf
Die Sächsische Akademie der Künste gedenkt Per Kirkeby


Per Kirkeby war eine ungewöhnlich vielseitige Künstlerpersönlichkeit, obwohl er nie ein reguläres Kunststudium absolviert hatte. Zwar verstand sich der promovierte Geologe in erster Linie als ‘Maler’, doch trat er auch als Schöpfer von bedeutenden raumgreifenden Backsteinskulpturen, Bronzen und Terrakotten, als Bühnenbildner, Filmemacher und Architekt hervor. Zugleich war er ein bedeutender Zeichner und eminenter Druckkünstler. Neben den Bildenden Künsten waren es stets die Literatur und das geschriebene Wort, die ihn zeitlebens intensiv beschäftigte. Er selbst war ein meisterlicher Literat und Essayist.

Werke von seiner Hand sind in Dresden vor allem im Kupferstich-Kabinett und im Albertinum zu finden. 1999 schuf er eigens für eine Einzelausstellung des Dresdner Kupferstich-Kabinetts die sechsteilige Linolschnittfolge "Dresdner Suite". Sie steht beispielhaft für die Merkmale seines Schaffens. Spontaneität, Intuition, Sinnlichkeit, gepaart mit intellektueller Kontrolle charakterisierten Kirkebys künstlerisches Handeln. Er gehörte zu denjenigen Künstlern, die ihrer Kunst selbst 'die Regel geben'’. So gehörte das unentwegte Nachdenken über die Bedingungen der künstlerischen Praxis zu den Grundvoraussetzungen seiner Arbeit. Neben der skandinavischen Prägung spürt man dabei immer wieder eine Hinneigung zur mitteleuropäischen Geisteswelt und nicht von ungefähr fand er gerade in Deutschland besondere Resonanz. Doch war der Künstler darüber hinaus bei aller Verwurzelung in seiner dänischen Heimat in der ganzen 'Welt' zu Hause.

Begabt mit einem ungewöhnlich sensiblen künstlerischen Sensorium eignete sich Kirkeby alles an, was ihn affizierte. Er transformierte es und schöpfte daraus seine ganz eigene 'Kirkeby-Welt'. Zu den Hauptmerkmalen seiner Arbeit gehörten sein Verständnis von Geschichtlichkeit, von Erinnerung, vom Wesen der Metamorphose, der grundsätzlichen Relativität alles Existierenden und des Zusammenhangs alles Gegebenen und schließlich die Metapher als entscheidendes künstlerisches Prinzip.

Kirkebys Schriften, seine bildhauerischen Arbeiten genauso wie die Gemälde und auch seine Druckgraphik sind Orte des Geschichtlichen. Es sind ‘Weisen’, Vergangenheit zu bewahren und zu vergegenwärtigen. Sie sichern zunächst des Künstlers persönliche Geschichte. Seine Jugenderlebnisse, seine künstlerischen Prägungen und Fähigkeiten, wobei er immer wieder auf früh gefundene Bildformulierungen zurückgriff. Diese strategische Selbstzitation dienten ihm der bildnerischen Selbstvergewisserung und reflektieren zugleich seine Bildungserfahrungen. Kirkeby eignete sich sein ganz persönliches historisches Wissen an und interpretierte es in seinem künstlerischen Kontext auf ihm eigene Weise. Die Geomorphologie, die Kenntnisse über die Formationen der Erdoberfläche und ihre Veränderungen, gehörten dabei zu den stimulierenden Grundlagen seines Vergangenheitsverständnisses. Doch scheint auch die üppig grünende und wuchernde Flora in besonderer Weise anregend gewesen zu sein. Zugleich erzählen Kirkebys Schöpfungen auch von einer Vorliebe für die Kunstgeschichte, indem er z.B. figürliche Motive nach Andrea Mantegna in das Bild integrierte, wie er es z.B. auf den Blättern der "Dresdner Suite" tat. Dabei ist es ihm nicht um die eindeutige Identifikation dieser Anregungen zu tun. Sie sind vielmehr mitbedachte Vorbedingungen der eigenen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, die als neu konkretisierte Bilder aus der Vergangenheit an die Bildoberfläche drängen.

Des Künstlers Schöpfungen bewahren zugleich seine persönlichen Befindlichkeiten. Ihrem intuitiven, durch Überlagerungen und Überarbeitungen fortschreitenden Schöpfungsprozess entsprechend, bleiben sie nicht nur Ausdruck einer momentanen Gefühlslage, sondern sie umgreifen und verdichten die Gefühlswelt des je unterschiedlichen Entstehungszeitraums.

Geschichtlichtkeit, davon war Kirkeby überzeugt, bedarf zur Bewusstwerdung des steten Erinnerns. Mehr noch ist das Vergangene stets auch das erinnerte Gegenwärtige. Dieses Verständnis von Erinnerung als einer unerschöpflichen Rückbindung an unsere eigene Geschichte gehört ebenfalls zu den wichtigen Beweggründen in Kirkebys Kunst.

Doch meint Erinnerung nicht, dass der Künstler nur zurückblilckt. Sich zu erinnern, 'verstopft' sozusagen nicht die in die Zukunft weisende Kreativität. Nach Kirkeby ist Erinnerung wohl allgegenwärtige Voraussetzung, muss aber im aktuellen künstlerischen Handeln 'vergessen' sein, um, in eine neue Schöpfung verwandelt, bewahrt zu werden.

Aus diesem Verständnis heraus wird deutlich, inwiefern in Kirkebys Kunst das Prinzip der Metamorphose einen bedeutenden Anteil hat. Denn Metamorphose meint bei ihm vor allem Wiederaneignung des Erinnerten, Rückgriff auf das Gewesene und verwandelte Mitnahme in das Zukünftige und Neue. Hieraus entwickelte er auch seine Vorstellung von der potentiellen Gleichzeitigkeit oder zeitübergreifende Anwesenheit aller Dinge, Gedanken und Empfindungen. Die Vielgestaltigkeit der inneren und äußeren Welt, deren Grenzen fließend sind, unterliegen einem strukturierenden Selektionsprozess des einzelnen, in seinem Weltzugriff an Raum und Zeit gebundenen Menschen. Die Fülle, Undurchdringlichkeit und letztliche Unfassbarkeit, das "Chaotische" des Gegebenen, kann gleichsam nur punktuell geordnet erfasst werden, bevor es wieder im Strom der Veränderung versinkt. Die bildnerischen Arbeiten Kirkebys stellen in diesem Zusammenhang materialisierte, komprimierte Zeugnisse des Gedanklichen dar, sind verdinglichte Momentaufnahmen seiner umherschweifenden Geistigkeit. Dem korreliert in seinen Werken das bewusste Vermeiden materialer Eindeutigkeit. Was starr und versteinert erscheint, kippt in das Biomorphe um, das Vegetabilische ins Anorganische; erstarrte Lavaströme verflüchtigen sich zu Dämpfen, Lianen und Pflanzenschlingen mutieren zu Wasserschlieren, die Figur löst sich in der Abstraktion auf, die Farbe wird zu Licht und die graphische Spur zum zuckenden Blitz.

Denn nach Kirkeby gibt es keine starre Stabilität. Veränderung ist ein Lebensprinzip, da der Wandel die Kontinuität sichert; das Ephemere ist permanent. Entsprechend existiert für ihn nicht die eine Wahrheit; Wahrheit ist relativ und hängt vom Standpunkt des Einzelnen ab. Für Kirkeby war die Welt "chaotisch, stofflich, unverständlich, sich verdunkelnder Nebel. Sie ist nicht die Wirklichkeit". Dennoch war er überzeugt, dass letztlich alles im menschlichen Erleben und in der es umgebenden Lebenswelt miteinander zusammenhängt. Es gehörte zu den großen Leistungen seiner Kunst, 'Kristallisationen' aufzuspüren, die, ganz platonisch gedacht, einen Widerschein des Wahren vor Augen führen.

Ohne Frage gehört Per Kirkeby zu den herausragendensten, international erfolgreichen Künstlerpersönlichkeit aus Dänemark, dem in der Zeit nach 1945 nur der ältere Asger Jorn oder der jüngere Olafur Eliasson an die Seite gestellt werden können. Auch wenn er nur noch in freundlicher Ferne mit der Sächsischen Akademie der Künste verbunden war, hat die Akademie mit ihm eines ihrer wichtigsten Mitglieder verloren.

13. Mai 2018
Nachruf von Wolfgang Holler


Per Kirkeby

geboren am 1. September 1938 in Kopenhagen, gestorben am 9. Mai 2018 ebd. · 1957-64 naturwissenschaftliches Studium an der Universität Kopenhagen · 1965–68 Stipendium an der State Art Foundation · 1968 Goldmedaille des Akademierates für jüngere dänische Maler und Bildhauer · 1971 Reise zu Maya-Kulturen in Mittelamerika, weitere Reisen unter anderem nach Griechenland, der Türkei, Australien, Bali · 1978 Lehrtätigkeit an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe · 1982 Mitglied der Dänischen Literaturakademie · 1987 Thorvaldsen-Medaille · 1988 Professur an der Städelschule in Frankfurt/M. · 1990 Kunstpreis der Nord/LB · 1996 Coutts Contemporary Art Foundation Award, Henrik-Steffens-Preis · 2003 Herbert-Boeckl-Preis · Malerei, Druckgrafik, Skulpturen, beschäftigt sich mit Architektur und Film, literarisches und essayistisches Werk · lebt und arbeitet in Kopenhagen, auf der Insel Laesø und in Frankfurt/M.

Persönliche Ausstellungen

1965 bei Den Frie Kopenhagen · 1974, 1980 Galerie Michael Werner Köln · 1975 Kupferstichkabinett Kopenhagen · 1976 Biennale in Venedig · 1977 Museum Folkwang Essen · 1979 Kunsthalle Bern · 1982, 1984 Stedelijk van Abbe Museum Eindhoven · 1983 Galerie Springer Berlin · 1985 Whitechapel Art Gallery London · 1986 Städtisches Museum Abteiberg Mönchengladbach · 1988 Mary Boone, Michael Werner Gallery New York · 1990 Himmerlands Kunstmuseum Aars · 1997 Museum Ludwig Köln · 1998, 1999 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf · 1998 Tate Galery London · Lenbachhaus München · Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris · Kunsthaus Bregenz · 1999 Galerie Seitz/von Werner Berlin, Albertinum Staatliche Kunstsammlungen Dresden · 2001 Neuer Berliner Kunstverein · 2002 Städtische Museen Jena, DC: Per Kirkeby. 122 x 122 – Gemälde auf Masonit. Museum Ludwig Köln, University Massachusetts Dartmouth · 2003 Sinclair-Haus Bad Homburg v. d. H. · 2004 Villa Massimo Rom, Städtisches Kunstmuseum Singen.

Publikationen

Eigene Schriften: 2,15. Roman. Kopenhagen 1967 · Fliegende Blätter. Kunst für Alle. Essays. Kopenhagen 1974 · Naturstudie. Gedichte. Kopenhagen 1979 · Nachbilder. Prosatexte, Bern und Berlin 1991 · Handbuch. Texte zur Architektur und Kunst. Bern und Berlin 1993 · Der Starenkasten. Gedanken und Exkurse. Bern und Berlin 1998.

Andere Autoren: Armin Zweite (Hg.): Per Kirkeby: Bild, Zeichnung, Skulptur. Köln 1998. (mit ausführlicher Bibliographie) · Per Kirkeby. Holzschnitte von 1980–1999. Katalog Staatliche Kunstsammlungen Dresden 1999 · Andersen Troels (Hg.): Werkverzeichnis der Radierungen. 2 Bd., Bern und Berlin 2001/2002 · Andrea Firmenich u. a. (Hg.): Per Kirkeby. Natur und Gestalt. Köln 2003 · Andersen Troels: Per Kirkeby. Werkverzeichnis der Radierungen. Bern und Berlin 2002 · Per Kirkeby. Natur und Gestalt. Retrospektive der Zeichnungen und Aquarelle. Bad Homburg v. d. H. 2003 · Poul Erik Tøjner: Per Kirkeby. Malerei. Köln 2003.




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