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Claus Weidensdorfer erhält den Hans Theo Richter-Preis 2014 der Sächsischen Akademie der Künste.


Claus Weidensdorfer © Matthias Creutziger

Claus Weidensdorfer


1931 in Coswig/Sachsen geboren, 1951 - 1956 Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bei Erich Fraaß, Hans Theo Richter und Max Schwimmer, Arbeit als Zeichenlehrer in Schwarzheide bei Senftenberg, 1957 - 1966 Assistent für Grafik und Malerei an der Pädagogischen Fakultät der Hochschule für Bildende Künste Dresden, seit 1966 freiberuflicher Maler und Grafiker, 1975- 1989 Lehrauftrag an der Fachschule für Werbung und Gestaltung Berlin-Schöneweide, 1989 Käthe-Kollwitz-Preis, seit 1989 Lehrauftrag an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, 1992 -1997 dort Professor für Malerei und Grafik und Dekan des Fachbereichs Malerei, Grafik, Bildhauerei und andere bildnerische Medien, 2002 Kunstpreis der Großen Kreisstadt Radebeul, 2004 Arras-Preis für Zeichenkunst und Graphik, 2005 Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden, lebt in Radebeul bei Dresden.





Der Weltweise

Laudatio auf Claus Weidensdorfer anlässlich der Verleihung des Hans Theo Richter - Preises am 4. September 2014


Matthias Flügge

»Kunst«, so schreibt Claus Weidensdorfer 1996, »ist unter anderem eine Sucht (eine Bewältigungssucht). Nimm einen Stift in die Hand und du kannst nicht mehr aufhören, so wie manche Leute nicht mehr aufhören können zu sprechen, wenn man sie nach dem Weg fragt. Sie wollen ihn so augenscheinlich vor dir entstehen lassen, dass es zum Gestaltungsproblem wird.« Der Laudator, der sich mit Freuden dem Versuch unterzieht, einen der möglichen Wege in das labyrinthische Werk des Künstlers zu zeigen, hat angesichts der Fülle des in Rede stehenden Oeuvres eben jenes Gestaltungsproblem zu lösen, denn auch er muss irgendwann aufhören zu sprechen. Ich werde mich im Folgenden dadurch disziplinieren, dass ich einige Zeugen aufrufe, die etwas zu sagen haben zu der »condition artistique«, in der ich den Künstler vermute - vor allem natürlich ihn selbst.

Schaut man auf das Werk von Claus Weidensdorfer, das in vielen Ausstellungen präsent war und in den vergangenen Jahren durch hervorragend edierte Kataloge publiziert worden ist, so findet man sich in eine Welt versetzt, in der Lebenslust und Melancholie ebenso nahe beieinander liegen, wie oszillierende Phantasmen des Surrealen und genaueste Beobachtung des Wirklichen. Das alles erscheint durchwirkt von einem leisen Hang zum Grotesken oder vielleicht sogar zur untergründigen Anarchie. In Bildern ist hier die Rede von der Eitelkeit des Seienden, vom Endlichen auch, vor allem aber von der ungreifbaren Flüchtigkeit der Existenz.

Geschäftig sind die Menschenkinder,
Die große Zunft von kleinen Meistern,
Als Mitbegründer, Miterfinder
Sich diese Welt zurechtzukleistern.

Nur leider kann man sich nicht einen,
Wie man das Ding am besten mache.
Das Bauen mit belebten Steinen
Ist eine höchst verzwickte Sache.

Welch ein Gedrängel und Getriebe
Von Lieb und Haß bei Nacht und Tage,
Und unaufhörlich setzt es Hiebe,
Und unaufhörlich tönt die Klage.

Gottlob, es gibt auch stille Leute,
Die meiden dies Gewühl und hassen's
Und bauen auf der andern Seite
Sich eine Welt des Unterlassens.

Das war der erste Zeuge. Eins von den späten Gedichten Wilhelm Buschs heißt "Gründer" und fällt einem ein, wenn man Claus Weidensdorfers Zeichnungen im Kopf hat und sich dabei an die Begegnungen mit dem Künstler erinnert. Nun ist es ja beileibe nicht so, dass er am Unterlassen werkte - im Gegenteil, die Zahl seiner künstlerischen Unternehmungen ist, wie gesagt, fast schon unermesslich. Aber er hat sich dem »Gedrängel und Getriebe«, das den Kunstbetrieb zuweilen so unerträglich macht, nie angeschlossen, nicht im Osten und auch nicht nach dessen plötzlichem Verlöschen.

Das Unterlassen, das Weidensdorfers Werk letztlich unvergleichbar macht, besteht in jenem Verzicht auf stilistische, inhaltliche oder habituelle Attitüden, der es ihm ermöglicht, den »geschäftigen Menschenkindern«, der »großen Zunft von kleinen Meistern« mit ungeteilter Empathie beim Zurechtkleistern ihrer Welt zuzusehen. Dass dies eine Warte künstlerischer Weltsicht ist, die auf inwendiger Verbundenheit mit der kleinen Zunft von großen Meistern der Kunst beruht, liegt Weidensdorfer, dem Zeichner, dem Lithographen, dem Radierer wie dem Maler auf Papier gleichsam »in der Hand«.

Paul Holz, der Zeichner aus Vorpommern, ist einer dieser großen Meister. Claus Weidensdorfer hat seine erste Begegnung mit dessen Werk 1961 in der Galerie Kühl eindrucksvoll beschrieben: »Die Ausstellung traf mich wie eine unerwartete Helligkeit. Es wurde darin etwas sichtbar, das weder Beschönigung noch unechtes Pathos vertrug. Der Eindruck war umso erregender, da er sich als unvermittelte Niederschrift der Erfahrungen und des Gefühls auswies und alle Eigentümlichkeiten, gute wie schlechte, ungeschminkt zum Vorschein brachte.« Das hört sich an, als würde der Künstler das eigene Schaffen reflektieren und vielleicht ist es auch so gemeint.

Wie das Werk von Paul Holz ist auch Weidensdorfers Arbeit vollkommen an das Papier gebunden. Kaum gibt es Ausflüge auf andere Bildträger, schon gar nicht auf die Leinwand. Das Papier ist ein endliches Material, man kann es normalerweise mit einem Blick überschauen und es ist unnachgiebig. Korrekturen bleiben meist sichtbar als Spuren des Fortgangs der bildnerischen Erfindungen. Papier ist seit jeher das Kernmedium bildnerischen Denkens. Claus Weidensdorfer hat seine Möglichkeiten in alle möglichen Richtungen ausgelotet. Es gibt in seinem Oeuvre kaum eine druckgraphische, zeichnerische, Aquarell- oder Gouache-Technik, die er nicht verwendet hat. Artistische Perfektion ist dabei nie das Ziel, vielmehr bedarf es all dieser Ausdrucksmittel, um der ganzen Fülle Weidensdorferscher Bild-Erfindungen in ihren wechselnden Formen Herr zu werden.

Geboren wurde Claus Weidensdorfer in die dunkelste Zeit des 20. Jahrhunderts, 1931 in Coswig, ganz in der Nähe von Dresden, der Stadt, die seine Arbeit prägt in Zuwendung und ironischer Distanz. In der Autobiografie schreibt er: »Man wird als Kind in irgendeine Gegend geboren und wächst mit einer Horizontlinie auf, durch deren Krümmung, Ausdehnung und Rhythmus man eine Prägung erfährt, die man nicht wieder ablegen wird. Man malt dann aus Begeisterung für oder aus Widerspenstigkeit gegen etwas, aber man kann diesem Gegenüber nicht ausweichen. Es wird in unserem künstlerischen Tun immer wieder auftauchen als eine Welt, die wir wiederholen oder zu der wir eine Gegenwelt errichten. Die Differenz zwischen dem ideal Vorgestellten und der real begegnenden Wirklichkeit kann der Stachel sein, der uns in Bewegung setzt.«

Die Horizontlinie und das greifbare Gegenüber: Diese Vokabeln beschreiben die Dimension von Claus Weidensdorfers Werk. Zwischen Greifen und Begreifen tut sich eine epistemologische Lücke auf, die den Betrachter seinerseits in freudige oder nachdenkliche oder auch rätselnde Bewegung setzt. Weidensdorfers Blätter »zeigen« etwas: Figuren, allein oder in Interaktion, Gesichter, Landschaften, Stadträume und manches mehr. Und sie scheinen zugleich etwas zu verbergen, dem man betrachtend auf die Spur kommen möchte und das sich immer wieder entzieht. Diese Vertracktheit der Betrachtersituation hat Claus Weidensdorfer 1997 beschrieben: »In allen Farben / ist verborgen / ein zwei drei dinglich / bedenklich / Verschiedenerlei. / In allen Formen / steckt versteckt / sinnlich, / besinnlich, / was nur entdeckt / wer nichts bezweckt.«

Das klingt, als sollten wir uns als Flaneure diesem Werk nähern. Zwar tun wir daran immer gut, doch sollten wir die beiden Verse vor allem als ein Bekenntnis lesen: zu der Freiheit seiner Kunst von zeitgeistigen Erregungen und Erwartungen, letztlich zur philosophischen Gelassenheit. Spätestens hier müssen wir auf Jean Paul zu sprechen kommen, diesen zwischen allen literarischen Lagern seiner Zeit agierenden Einzelnen, von dem der Romantiker
August Wilhelm Schlegel gesagt hat, seine Romane seien Selbstgespräche, an denen er den Leser teilnehmen lasse, und der Klassiker Schiller, dieser sei ihm »fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist«. Jean Pauls künstlerisches Credo, poetische wie gegenwartsbezogene Reflexionen mit komplexer Metaphorik, intellektueller Ironie und manchmal scharfer Satire zu verbinden, die Brüchigkeit von Idyllen und auch etwas von der Lächerlichkeit der Welt zu zeigen, kehrt in Claus Weidensdorfers Werk auf höchst zeitgenössische Weise wieder. Dafür sprechen noch weitere Gründe: zum einen die Distanz zu den Autoritäten, den künstlerischen wie politischen seiner Zeit, und vor allem die Tatsache, dass er etwas besitzt, von dem Max Liebermann gesagt hat, es sei »so selten wie ein weißer Rabe« - den Humor.

Für Jean Paul war Humor eine ästhetische Kategorie von umfassender Totalität, schon weil »vor der Unendlichkeit alles gleich ist und nichts«. In seiner Vorschule der Ästhetik heißt es sodann: »Wenn der Mensch, wie die alte Theologie tat, aus der überirdischen Welt auf die irdische herunterschauet: so zieht diese klein und eitel dahin; wenn er mit der kleinen, wie der Humor tut, die unendliche ausmisset und verknüpft: so entsteht jenes Lachen, worin noch ein Schmerz und eine Größe ist.« Dies scheint mir auf jenen Teil von Claus Weidensdorfers Arbeit genauestens zuzutreffen, der die Beobachtung scheinbar alltäglicher Situationen zum Thema hat: Menschen in der Straßenbahn, in merkwürdige Begegnungen verstrickte Paare, Musiker in ihren euphorischen Exzessen, vor allem die Jazzer, die, wie der Künstler oftmals auch, ihre Ausdrucksformen in freier Improvisation finden und Normen wie Regeln lustvoll ignorieren.

Doch es gibt auch den anderen Weidensdorfer - den, der die existentialistische Rigorosität der Nachkriegszeit, in der er zu seinem Künstlertum gefunden hat, fortschreibt in Metaphern des Gefangenseins, der Hoffnungs- und der Aussichtslosigkeit. Der zeichnet Menschen, die in Gehäusen hocken, Totentänze und Kreuzigungen. Und immer wieder, in vielfacher Variation, die Jakobsleiter, verankert auf der Erde, endend in der Unendlichkeit des Himmels, auch das ein Zeichen für das Kreuz, das schon die Kirchenväter als die »scala paradisi«, die Leiter zum Paradies, verstanden haben. Dass auf Weidensdorfers Leitern keine Engel auf- und absteigen und an deren Ende auch nicht Gott der Herr thront, sondern sündige Menschen herumturnen, können wir als säkulare Variation des Urstoffes verstehen - parodistisch, gar witzig ist es nicht. Denn alles, was Claus Weidensdorfer auf dem Gebiet des Skurrilen, phantasmagorischen oder auch Ironischen zu Papier bringt, resultiert aus der selben Lebensweisheit wie die andere Seite seiner Kunst.

Wolfgang Holler hat ihn einmal einen »toleranten Weltweisen« genannt, »der sich in ein schillerndes, clowneskes Gewand gehüllt (hat), das seine ernste Wahrhaftigkeit nur gelegentlich enthüllt«. Die künstlerische Wahrhaftigkeit, das wäre hinzuzufügen, liegt nicht im Werk, sie ist in der Persönlichkeit eines Künstlers zu finden. All die Masken und Gewänder, wenn er sie denn anlegt, gehören untrennbar dazu.